Es gibt Menschen, die einen Stadtteil prägen – und es gibt Menschen, die selbst zum Stadtteil gehören wie ein Gebäude. Karl-Heinz „Kalle“ Schwensen ist so einer. Wer auf St. Pauli nach ihm fragt, bekommt keine Wegbeschreibung, sondern eine Geschichte. Meistens mehrere.
Vom Boxring auf den Kiez
Geboren wurde er am 30. August 1953 im oberfränkischen Selb, als Sohn eines in Deutschland stationierten US-Soldaten. Mit zwölf Jahren kam er nach Hamburg – und blieb. Seine erste Karriere war körperlich: Als Amateurboxer trainierte er auf die Olympischen Spiele 1972 hin. Kurz vor der Qualifikation wurde er niedergestochen und lag drei Wochen im Krankenhaus. Aus der Sportlerlaufbahn wurde nichts. Aus dem Kiez dafür alles.
Die Stationen
- Ab 1974: Manager der Diskothek Cleopatra in Hamburg-Bramfeld – der Einstieg ins Nachtleben.
- 1984 bis 1994: Betreiber des Top Ten Club auf der Reeperbahn – einer der Adressen, auf deren Bühne in den 1960ern die Beatles standen.
- Später: Inhaber des Lokals B’sirs.
- Bis 2007: Manager der Band Tic Tac Toe.
- 2008: Gründung der Agentur Talent-Casting K1.
- 2010: Übernahme des SM-Clubs „Club de Sade“ – heute DAS VERLIES.
Die Sonnenbrille
Kein Detail ist so eng mit ihm verbunden wie die schwere Ray-Ban im General-Stil. Er trägt sie nachts, tagsüber, auf Fotos – und auf amtlichen Dokumenten. Zu Hause liegt ein identisches Zweitmodell, für den Fall der Fälle. Als er nach einer Kontrolle vor Gericht musste, soll ein Beamter zu Protokoll gegeben haben, er kenne nur zwei Männer, die nachts eine Sonnenbrille tragen – und einer davon sei Kalle Schwensen.
Dieser Prozess ist selbst eine Kiez-Anekdote geworden: Zur Berufungsverhandlung erschien Schwensen rasiert und ohne Brille, während ein Bekannter im Anzug samt Sonnenbrille im Saal saß. Das Gericht verwechselte die beiden und verwarf die Berufung mit der Begründung, der Angeklagte sei nicht erschienen. Das Verfahren zog sich über Jahre.
Die andere Seite der Geschichte
Zu einer Kiezgröße gehört eine Vergangenheit, die sich nicht glätten lässt. Kalle Schwensen galt als Mitglied der sogenannten Chikago-Bande.
Im Oktober 1989 verurteilte ihn das Landgericht Hamburg zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er gemeinsam mit zwei Mitangeklagten eine Smith & Wesson Kaliber 38 für Werner Pinzner beschafft hatte – die Waffe, mit der Pinzner im Juli 1986 tötete. Schwensen bestritt seine Beteiligung.
Am 23. August 1996 wurde er in einem Restaurant am Hamburger Mittelweg angeschossen und von zwei Kugeln im Oberkörper getroffen. Zwei der drei Täter wurden später identifiziert; die Behörden vermuteten einen Zusammenhang mit Warentermingeschäften. Bevor er auf die Trage gehoben wurde, verlangte er seine Brille zurück. Das Foto, auf dem er kurz danach das Victory-Zeichen zeigt, ging bundesweit durch die Boulevardmedien.
Auch danach war er immer wieder Thema der Gerichtsberichterstattung – über Jahre hinweg, mit Wiederaufnahmen, Aufhebungen und neuen Verhandlungen. Die Narben in seinem Gesicht, am Oberarm und am Bauch stammen aus dieser Zeit.
Genau diese Geschichten sind der Grund, warum eine Kieztour mit ihm kein nacherzählter Reiseführer ist: Der Guide kannte die handelnden Personen persönlich.
Rock’n’Roll, Film und Fernsehen
1973 traf er beim Hamburg-Konzert der Rolling Stones auf Keith Richards. Man zog gemeinsam weiter – in einen Club, in den der Schlagzeuger der Band nur deshalb hineinkam, weil er als Einziger eine Krawatte trug. Es war Schwensens erster Bourbon. Es blieb einer der wenigen: Er trinkt keinen Alkohol, raucht nicht und nimmt keine Drogen.
Zwischen 1997 und 2023 war er in mehreren Filmrollen zu sehen und in etlichen Fernsehformaten zu Gast. Seit 2018 läuft sein eigenes Format „Kalles Halbzeit im Verlies“, seit Oktober 2020 beim Hamburger Sender Hamburg1. Über Jahre arbeitete er außerdem an einem Drehbuch über den Kiez, für das ein bekannter deutscher Hauptdarsteller per Handschlag zugesagt hatte.
Sein Tagesablauf ist bis heute der eines Nachtmenschen: drei bis vier Stunden Schlaf, danach eine halbe Stunde Badewanne. Auf seiner Visitenkarte steht ein einziger Satz – Taking Care of Business.
Was die Presse schreibt
- Hamburger Abendblatt – „Karl-Heinz Schwensen hat einen neuen Job im Fernsehen“ (06.10.2020)
- Hamburger Abendblatt – „Fatih Akin als DJ – Kalle Schwensen begeistert“ (14.01.2023)
- Hamburger Abendblatt – „Kalle Schwensen und seine verrückte HSV-Wette auf Facebook“ (11.10.2017)
- Hamburger Abendblatt – „Die unendliche Prozess-Geschichte des Kalle Schwensen“ (2017)
- Hamburger Abendblatt – „Justizposse um Karl-Heinz Schwensen in vier Akten“ (2021)
- BILD – „St. Pauli ist ein Spielplatz für Erwachsene“ (13.11.2014)
- BILD – „Ich war mit Kalle Schwensen im SM-Club“, Heiner Lauterbach (10.11.2015)
- BILD – „Kalle, wie gefährlich ist der Kiez?“ (11.02.2020)
- BILD – „Schöner Abschied für den Schönen Klaus“ (12.05.2023)
- Der Spiegel – „Ich bin eher der Limousinen-Typ“ (28.01.2016)
- Stern – „Was macht eigentlich Karl-Heinz Schwensen?“ (03.05.2009)
- t-online – großes Interview zum 65. Geburtstag (26.08.2018)
Der vollständige Medienspiegel ist im Shop hinterlegt.
Kalle heute
Wer ihn erleben will, hat mehrere Möglichkeiten: die Kieztour Hamburg über die Reeperbahn, die Führung durch DAS VERLIES oder ein privates Dinner bis Mitternacht.
Sein Konterfei – vor allem die markante Sonnenbrille – ist inzwischen selbst ein Motiv. Es gibt es als Kalle Shirt, als Kiez Hoodie und auf der Kiez Tasse.



